Die Macht der Fürbitte. Noch mehr über die Macht der Fürbitte erfahren wollen

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Abraham erbittet von Gott keine Sache, die seinem Wesen widerspricht, er pocht an die Herzenspforte Gottes, damit er seinen wahren Willen erkennt!

Wieso gibt es die Fürbitte? Weil Gott barmherzig ist und Jesus uns liebt. Die Gemeinschaft Jesu Christi lebt aus dem heiligen Messopfer und der Fürbitte der Glieder füreinander.

Es folgen zwei Katechesen von Papst Benedikt XVI. über das Fürbittgebet.

 

 

So lesen wir eine der großen Geschichten des Alten Bundes: Abraham „ringt” mit Gott über die Anzahl der Gerechten, die nötig sind, um eine verdorbene Stadt zu verschonen – über die alttestamentarische Geschichte finden wir zu unserem heutigen Leben mit Christus!

Liebe Brüder und Schwestern,

in den zwei letzten beiden Katechesen haben wir das Gebet als ein universales Phänomen reflektiert, das, wenn auch in verschiedenen Formen, zu allen Zeiten in den Kulturen präsent ist.

Heute dagegen möchte ich einen biblischen Weg zu diesem Thema einschlagen, der uns dabei helfen wird, den Dialog jenes Bundes zwischen Gott und dem Menschen zu vertiefen, der die ganze Heilsgeschichte beseelt, bis hin zu seinem Höhepunkt, seinem endgültigen Wort, das Jesus Christus ist. Dieser Weg führt uns dahin, uns einigen wichtigen Texten und Gestalten zuzuwenden, die für das Alte und Neue Testament beispielhaft sind.

Es wird Abraham sein, der große Patriarch, Vater aller Gläubigen (vgl. Röm 4, 11-12; 16-17), der uns in der Geschichte seiner Fürbitte für die Stadt Sodom und Gomorra ein erstes Beispiel für das Gebet gibt. Ich möchte euch auch dazu einladen, den Weg, den wir in den nächsten Katechesen zurücklegen, zu vertiefen, um die Bibel besser kennen zu lernen und von ihr zu lernen, die ihr, wie ich hoffe, in euren Häusern habt und euch während der Woche Zeit nehmt, sie zu lesen und im Gebet zu betrachten. So könnt ihr die herrliche Geschichte der Beziehung zwischen Gott und dem Menschen verstehen, zwischen Gott, der sich uns offenbart und dem Menschen, der ihm im Gebet antwortet.

Der erste Text, den ich betrachten möchte, findet sich im 18. Kapitel des Buches Genesis. Er erzählt davon, wie die Bosheit der Bürger von Sodom und Gomorra einen derartigen Höhepunkt erreicht hat, dass sich ein Eingreifen Gottes als nötig erwies, einen Akt der Gerechtigkeit vorzunehmen und dem Bösen durch die Zerstörung dieser Städte Einhalt zu gebieten.

Unsere sogenannte „westliche Welt“ ist weniger weit von Sodom und Gomorra entfernt, als viele es wahrhaben wollen. Allerdings leben wir im Neuen Bund und – soweit ich es verstehe – hat sich unsere Welt durch Gottes Liebesgeschenk in Jesus Christus ganz radikal geändert. So geht es vermutlich weniger um die Zerstörung von Städten, als darum, wer von uns Menschen die Botschaft Jesu aufzunehmen bereit ist…

Und hier schaltet sich Abraham mit seinem Fürbittgebet ein. Gott beschließt, ihm das Bevorstehende mitzuteilen, damit er den Ernst des Bösen sowie seine schrecklichen Konsequenzen erkennen würde, denn Abraham ist sein Auserwählter, dazu erwählt, ein großes Volk zu werden und den Segen Gottes in alle Welt zu tragen. Seine Mission ist die der Erlösung, die auf die Sünde antwortet muss, die in die Wirklichkeit des Menschen eingedrungen ist; durch ihn will der Herr die Menschheit wieder zum Glauben, zum Gehorsam und zur Gerechtigkeit bringen.

Und nun nimmt sich dieser Freund Gottes der Wirklichkeit und dem Bedürfnis der Welt an, er betet für jene, die gestraft werden sollen, er betet für ihr Heil.

In diesem Punkt hat sich „mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit“ (das ist moderner Humanismussprech :-) mit dem Neuen Bund gar nichts geändert: Das Gebet war damals und ist heute der entscheidende Weg zum Heil!

Abraham – wie wir uns erinnern – minderte zunehmend die Zahl der Unschuldigen, die für die Rettung erforderlich sind: wenn es nicht 50 sind, dann würden auch 45 genügen, und so werden es immer weniger, bis schließlich die zehn erreicht sind, indem er seine Bitte schon fast mit einer unverschämten Beharrlichkeit weiterführt: „ Vielleicht finden sich vierzig, dreißig, zwanzig, zehn“ (vgl. V. 29, 30, 31, 32). Je kleiner die Anzahl, je größer zeigt sich die Barmherzigkeit Gottes, der mit Geduld dem Gebet zuhört und jeder Bitte mit der Zusicherung erwidert: „Ich werde ihr vergeben, … sie nicht zerstören, … ich werde es nicht tun“ (vgl. V. 26, 28, 29, 30, 31, 32). So konnte durch Abrahams Fürsprache Sodom gerettet werden, wenn in ihr nur zehn Gerechte zu finden sein würden.

Das ist die Macht des Gebetes. Durch die Fürsprache kann das Gebet das Heil anderer erwirken, in ihm zeigt sich der Wunsch Gottes nach Erlösung des sündigen Menschen. Das Böse kann nicht hingenommen werden, es muss aufgedeckt und durch die Strafe vernichtet werden: die Zerstörung Sodoms hatte genau diese Funktion.

Aber der Herr will den Tod des Sünders nicht, sondern dass er sich zum Leben bekehrt (vgl. Ez 18, 23; 33, 11).

Sein Wunsch ist es immer zu vergeben, zu retten, Leben zu schenken, das Böse in gutes zu verwandeln.

Und so wird im Gebet dieser Wunsch Gottes zum Wunsch des Menschen, der sich durch die Worte der Fürsprache artikuliert. Mit seiner Fürsprache lieh Abraham seine eigene Stimme Gott, sein Herz glich er dem Willen Gottes an: dem Verlangen Gottes nach Barmherzigkeit auf konkrete Weise im Inneren der Menschheitsgeschichte, um dort zu sein, wo Gnade gebraucht wird.

Damit wird das nächste ganz große Thema angesprochen, die Vergebung! Denken wir an Pfingsten, an den Heiligen Geist und die wunderbare den Aposteln anvertraute Botschaft, an die sich unsere verzagte und sündige Seele immer erinnern darf: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben; wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“ (Joh 20,23).

Mit der Stimme des Gebetes hat Abraham dem Wunsche Gottes Ausdruck gegeben, nicht dem Willen des Zerstörens, sondern der Rettung Sodoms und der Bekehrung des Sünders. Dies ist der Wunsch des Herrn und seine Zwiesprache mit Abraham ist eine lange und unvergleichliche Darstellung seiner göttlichen Barmherzigkeit. Die Notwendigkeit, gerechte Menschen im inneren der Stadt zu finden, wird immer drängender, bis am Ende nur noch zehn genügen, um die Gesamtheit der Bevölkerung zu erlösen. Warum Abraham bei den zehn stehen bleibt, steht nicht im Text.

[…]

Der Prophet Jeremias sagt dem rebellierenden Volk: „Dein böses Tun straft dich, deine Abtrünnigkeit klagt dich an. So erkenne doch und sieh ein, wie schlimm und bitter es ist, den Herrn, deinen Gott, zu verlassen und keine Furcht vor mir zu haben – Spruch Gottes, des Herrn der Heere“ (Jer , 19).

Von dieser Trauer und Bitterkeit will der Herr den Menschen befreien, indem er ihn von der Sünde befreit.

Er benötigt eine innere Umkehr, eine Ausrichtung zum Guten, einen Anfang, das Böse in Gutes verwandeln zu wollen, den Hass in die Liebe, die Rache in Vergebung.

Darum müssen Gerechte in der Stadt sein und Abraham wiederholt ununterbrochen: „Vielleicht finden sie sich…. Dort, im Inneren der Krankheit, muss dieser Same des Guten sein, um wieder Gesundheit und Leben zurück zu bringen. Und in der kranken Realität von Sodom und Gomorra fand sich dieser Same des Guten nicht.

Aber die Barmherzigkeit Gottes in der Geschichte seines Volkes weitet sich noch weiter aus.

Wenn für die Rettung Sodoms nur zehn Gerechte genügten, so erklärt der Prophet Jeremias im Namen des Allmächtigen, dann reicht nur ein Gerechter für Jerusalem: „Zieht durch Jerusalems Straßen, schaut genau hin und forscht nach, sucht auf seinen Plätzen, ob ihr einen findet, ob einer da ist, der Recht übt und auf Treue bedacht ist: Dann will ich der Stadt verzeihen“ (Jer 5, 1). Die Anzahl sinkt also weiter, die Güte Gottes zeigt sich als größer. Auch das genügt noch nicht, die überfließende Barmherzigkeit Gottes findet noch nicht einmal diesen einen Gerechten in Jerusalem, das unter die Belagerung des Feindes fällt.

So führt Papst Benedikt XVI. uns am Ende dieser Katechese zu Jesus Christus, dem Höhepunkt der Geschichte zwischen Gott und den Menschen; das letzte Wort dieser Ausführungen des Papstes gilt dem großen Thema Erlösung:


Abraham nimmt gleich das Problem in seiner ganzen Schwere auf: Er sagt dem Herrn:

„Das kannst du doch nicht tun, die Gerechten zusammen mit den Ruchlosen umbringen. Dann erginge es ja dem Gerechten genauso wie dem Ruchlosen. Das kannst du doch nicht tun. Sollte sich der Richter über die ganze Erde nicht an das Recht halten?“ (Gen 18, 23-25).


Mit diesen Worten und mit großem Mut bringt Abraham die Notwendigkeit vor Gott, einen kurzen Prozess zu vermeiden: Wenn die Stadt schuldig ist, dann ist es gerecht, ihr Vergehen zu bestrafen, aber, so der große Patriarch, es wäre ungerecht, auf wahllose Weise alle ihre Bewohner zu bestrafen. Wenn in der Stadt Unschuldige sind, dann können sie nicht wie Schuldige behandelt werden. Gott, der ein gerechter Richter ist, darf so nicht handeln, sagt Abraham mit Recht zu Gott.

Wie sehr hat Jesus an die Macht des Gebets erinnert – und uns auch noch genau beschrieben, mit welchem Inhalt wir beten sollen. Überdies dürfen wir – wie Abraham – Gott sehr direkt ansprechen: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Doch bleiben wir dran am Dialog des Abraham mit dem allmächtigen Schöpfer.

Wenn wir den Text aber aufmerksamer lesen, dann stellen wir fest, dass Abrahams Bitte noch viel ernster und tiefgreifender ist, denn sie beschränkt sich nicht, nur die Erlösung der Unschuldigen zu erbitten.

Abraham bittet um Gnade für die ganze Stadt, er tut es, indem er an die Gerechtigkeit Gottes appelliert!

So sagt er zum Herrn: „Willst du auch sie wegraffen und nicht doch dem Ort vergeben wegen der fünfzig Gerechten dort?“ (24b). Auf diese Weise bringt er eine neue Art der Gerechtigkeit ins Spiel: nicht jene, die sich auf die Bestrafung der Schuldigen begrenzt, wie es die Menschen tun, sondern eine andere Gerechtigkeit, eine göttliche, die das Gute sucht und durch die Vergebung den Sünder verwandelt, ihn bekehrt und erlöst.

Mit seinem Gebet ruft Abraham also nicht nur eine begleichende Gerechtigkeit herab, sondern er fordert ein heilbringendes Eingreifen, das sich der Unschuldigen annimmt, die frei sind von der Schuld der Ruchlosen, und das ihnen vergibt. Der Gedanke Abrahams, der beinahe paradox erscheint, könnte so zusammengefasst werden: Offensichtlich kann man die Unschuldigen nicht wie die Schuldigen behandeln, dies wäre ungerecht. Man muss also die Schuldigen als Unschuldige behandeln und sie einer „übergeordneten“ Gerechtigkeit unterstellen, ihnen die Möglichkeit der Erlösung schenken, denn wenn die Sünder die Vergebung Gottes annehmen, ihre Sünden beichten und sich erlösen lassen, dann würden sie nicht mehr weiter das Böse tun, sondern sie würden zu Gerechten werden, die nicht mehr bestraft werden müssten.

Dies ist das Gesuch um Gerechtigkeit, das Abraham in seiner Fürbitte ausspricht, ein Gesuch, das auf der Gewissheit gründet, dass der Herr barmherzig ist. Abraham erbittet von Gott keine Sache, die seinem Wesen widerspricht, er pocht an die Herzenspforte Gottes, damit er seinen wahren Willen erkennt!

Gewiss, Sodom ist eine große Stadt, fünfzig Gerechte erscheinen wenig, aber sind die Gerechtigkeit Gottes und sein Vergeben nicht Ausdruck der Macht des Guten, auch wenn sie kleiner und schwächer zu sein scheint als das Böse?

Jetzt sind wir bei dem Thema, das Christus verkörpert hat wie kein anderer, im Namen des Vaters: Barmherzigkeit! Und die Gottesmutter ist sozusagen die Anrufzentrale für diese Liebe Gottes, denken wir an die vielen Zeugnisse von – und Offenbarungen an – Menschen des großen Gottvertrauens, die uns immer wieder zusprechen: Betet und ihr werdet empfangen…

Die Zerstörung Sodoms sollte dem Bösen in der Stadt Einhalt gebieten, doch Abraham weiß, dass Gott andere Wege und Mittel hat, der Verbreitung des Bösen entgegenzuwirken. Es ist das Vergeben, das die Spirale der Sünde unterbrechen kann, und Abraham appelliert in seinem Gespräch mit Gott genau daran! Und als der Herr einwilligt, die Stadt zu verschonen, wenn sich nur 50 Gerechte finden würden, dann beginnt sein Gebet bis in die Abgründe der göttlichen Barmherzigkeit vorzustoßen.



Es musste geschehen, dass Gott selbst dieser Gerechte wird.

Die unendliche und überraschende göttliche Liebe wurde dann ganz deutlich, als der Sohn Gottes Mensch wurde, der vollendet Gerechte, der vollendet Unschuldige, der der ganzen Welt Erlösung brachte durch seinen Tod am Kreuz, indem er denen vergab und für sie bat, die „nicht wussten, was sie taten“ (Lk 23, 34).

So findet das Gebet eines jeden Menschen seine Antwort, jeder unserer Fürbitten wird vollständig erhört!

 

 



Liebe Brüder und Schwestern, möge uns die Bitte Abrahams, unseres Vaters im Glauben, lehren, das Herz immer mehr der überfließenden Barmherzigkeit Gottes zu öffnen, damit wir im täglichen Gebet die Erlösung der Menschheit ersehnen und mit Beharrlichkeit und Vertrauen Gott den Herrn um sie bitten, der groß in der Liebe ist.

Amen.

 

[ zeitzubeten.org und Übersetzung aus dem Italienischen von Jan Bentz© Copyright 2011 – Libreria Editrice Vaticana, publiziert von ZENIT.ORG]

 

 

Das Fürbittgebet und die mächtige Fürbitte Jesu am Kreuz!

Liebe Brüder und Schwestern,

In unserer Gebetsschule sprach ich am vergangenen Mittwoch vom Gebet Jesu am Kreuz gemäß Psalm 22: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Ich möchte heute weiter über das Gebet Jesu am Kreuz angesichts des bevorstehenden Todes nachsinnen, und dabei auf den Bericht, den wir im Evangelium des heiligen Lukas finden, eingehen. Der Evangelist hat uns drei Aussprüche Jesu am Kreuz überliefert, von denen zwei, der erste und der dritte, Gebete sind, die ausdrücklich an den Vater gerichtet sind. Der zweite jedoch besteht aus der Verheißung, die er dem sogenannten guten Schächer, der mit ihm gekreuzigt worden ist, ausspricht; in Antwort auf das Gebet des Diebes beruhigt Jesus ihn mit folgenden Worten: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk 23, 43). So sind im Lukas-Evangelium die beiden Gebete, die Jesus im Sterben zu seinem Vater spricht, und das Erhöhren des Flehens, das der reuige Sünder an ihn Jesus richtet, eindrucksvoll miteinander verwoben. Jesus betet zum Vater und zugleich erhört er das Gebet dieses Mannes, der oft „latro poenitens“, reuiger Schächer, genannt wird.

Wir wolllen diese drei Gebete Jesu näher betrachten. Das erste spricht Jesus aus, unmittelbar nachdem er ans Kreuz genagelt worden ist, während sich die Soldaten seine Kleider als traurige Entlohnung ihres Dienstes aufteilen. In gewisser Weise wird mit dieser Geste der Vorgang der Kreuzigung abgeschlossen. Lukas schreibt: „Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links. Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.

Dann warfen sie das Los und verteilten seine Kleider unter sich“(Lk 23,33-34).

 

Das erste Gebet, das Jesus an den Vater richet, ist eine Fürbitte: Er bittet für seine Henker um Vergebung. Damit erfüllt Jesus selbst, was er in der Bergpredigt lehrte, als er sagte: „Euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde; tut denen Gutes, die euch hassen“ (Lk 6,27). So hatte er auch diejenigen, die verzeihen können, verhießen: „Dann wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Söhne des Höchsten sein“ (Lk 6,35). Ans Kreuz genagelt vergibt er nicht einfach nur seinen Henkern, sondern richtet sich direkt an den Vater und setzt sich bei ihm für sie ein.

Dieses Verhalten Jesu findet ergreifende „Nachahmung“ in der Geschichte von der Steinigung des hl. Stephanus, dem ersten Märtyrer. Als Stephanus dem Ende nahe war, „sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er“ (Apg 7,60): Das waren seine letzten Worte. Der Vergleich zwischen dem Gebet Jesu, in dem er um Vergebung für eine Henker bittet, und dem Gebet des Märtyrers ist bedeutsam. Der hl. Stephanus wendet sich an den auferstandenen Herrn und bittet ihn darum, dass seine Steinigung - eine durch den Ausdruck „diese Sünde" deutlich definierte Tat - nicht seinen Henkern zugerechnet werde. Jesus spricht am Kreuz zum Vater und bittet nicht nur für seine Henker um Vergebung, sondern bietet auch eine Deutung des Geschehens an. Die Männer, die ihn kreuzigen „wissen nicht was sie tun“, lauten die Worte Jesu (Lk 23,34). Er legt diese Ignoranz, dieses „Nicht-Wissen" als Grund für die Bitte um Vergebung an den Vater vor, weil diese Ignoranz den Weg zur Umkehr offen lässt, was tatsächlich der Fall ist, als der römische Centurio angesichts des Todes Jesu sagt: „Das war wirklich ein gerechter Mensch" (Lk 23, 47), er war der Sohn Gottes. „Um so mehr bleibt es für alle Zeiten und für alle Menschen ein Trost, dass der Herr sowohl bei den wirklich Nichtwissenden, den Henkern, wie bei den Wissenden, die ihn verurteilt haben, ihr Nichtwissen zum Grund der Bitte um Vergebung macht – es als die Tür ansieht, die uns die Bekehrung öffnen kann“ (Jesus von Nazareth, II, 233).

Der zweite Ausspruch Jesu am Kreuz ist, wie der hl. Lukas berichtet, ein Wort der Hoffnung, es ist die Antwort auf das Gebet eines der beiden mit ihm gekreuzigten Männer. Der gute Schächer zieht sich vor Jesus in sich selbst zurück und bereut seine Taten, er erkennt, dass er sich neben dem Sohn Gottes befindet, der das Antlitz Gottes offenbart, und bitte ihn: „Jesus, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst" (Lk 23, 42). Die Antwort des Herrn auf dieses Gebet geht weit über die Bitte hinaus, denn er spricht: „Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein" (Lk 23,43). Jesus ist sich bewusst, dass er direkt in Gemeinschaft mit dem Vater eintreten und dem Mann den Weg zum Reich Gottes eröffnen wird. So gibt er durch diese Antwort die entschiedene Hoffnung, dass uns die Güte Gottes auch im letzten Augenblick des Lebens zuteil werden kann und unser aufrichtiges Gebet, selbst nach einem sündigen Leben, wird vom guten Vater, der die Rückkehr seines Sohnes erwartet, mit offenen Armen empfangen.

Doch verweilen wir bei den letzten Worten Jesus vor dem Tod. Der Evangelist berichtet: „Es war etwa um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach. Sie dauerte bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei, und Jesus rief laut: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Nach diesen Worten hauchte er den Geist aus“ (Lk, 23, 44-46). Einige Aspekte dieser Erzählung sind anders als im Evangelium nach Markus oder Matthäus. Die drei Stunden der Dunkelheit werden im Markus-Evangelium gar nicht beschrieben, während sie bei Matthäus mit einer Reihe apokalyptischer Ereignisse in Verbindung gebracht werden, wie einem Erdbeben, der Öffnung der Gräber, der Auferstehung der Toten (vgl. Mt 27,51-53). Bei Lukas ist eine Sonnenfinsternis der Grund für die Stunden der Dunkelheit, aber in jenem Moment reißt auch der Vorhang des Tempels. Derart weist der Bericht des Lukas auf zwei in gewisser Weise parallele Zeichen hin, im Himmel und im Tempel. Der Himmel verliert sein Licht, die Erde versinkt, während im Tempel, dem Ort der Gegenwart Gottes, der Vorhang reißt, der den Schrein schützt. Der Tod Jesu ist deutlich als kosmisches und liturgisches Ereignis gekennzeichnet; vor allem markiert er den Beginn eines neuen Glaubens in einem Tempel, der nicht von Menschen erbaut ist, weil es der Leib des toten und auferstandenen Jesu ist, der die Menschen zusammenbringt und sie im Sakrament seines Leibes und seines Blutes vereint.


Das Gebet Jesu in diesem Augenblick des Leidens –

„Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist“,

ist ein lauter Aufschrei des äußersten und vollkommenen Vertrauens auf Gott. Dieses Gebet bringt das volle Bewußtsein zu Ausdruck, nicht verlassen worden zu sein. Der Aufruf zu Beginn, „Vater", erinnert an die erste Erklärung Jesu, als er zwölf Jahre alt war. Damals war er drei Tage lang im Tempel Jerusalems geblieben, dessen Schleier nun zerrissen ist. Und als seine Eltern ihre Sorge äußerten, antwortete er: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“(Lk 2,49). Vom Anfang bis zum Ende werden das Empfinden Jesu, seine Worte und seine Handlungen voll und ganz von der einzigartigen Beziehung zum Vater bestimmt. Am Kreuz lebt er voller Liebe seine Beziehung zu Gott als dessen Sohn, die ihn zu seinem Gebet beseelt.

Die von Jesus ausgesprochenen Worte nach der Anrufung des „Vaters" beinhalten einen Ausdruck aus Psalm 31: „In deine Hände lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ (Ps 31,6). Diese Worte sind jedoch nicht einfache ein Zitat, sondern unterstreichen eine klare Entscheidung: Jesus „gibt sich“ dem Vater in einem Akt der vollkommenen Selbstaufgabe hin. Diese Worte sind ein Gebet der „Zuversicht“, voller Vertrauen in die Liebe Gottes. Das Gebet Jesu angesichts seines Todes ist dramatisch, wie für jeden Menschen, doch zugleich wird es von einer tiefe Ruhe durchdrungen, die aus dem Vertrauen in den Vater und dem Willen, sich ihm ganz hin zu geben, erwächst. Im Garten Gethsemane, als er sich dem letzten Kampf stellt und in ein intensives Gebet eintritt und im Begriff war, „den Menschen ausgeliefert zu werden (Lk 9,44), wurde sein Schweiß „wie Blut, das auf die Erde tropfte" (Lk 22, 44). Doch sein Herz war dem Willen des Vaters vollkommen gehorsam, und deshalb war ihm „ein Engel vom Himmel" erschienen, um hin zu trösten (vgl. Lk 22,42-43). Nun in seinen letzten Momenten wendet sich Jesus an den Vater, indem er sagt, in wessen Hände er wahrlich sein ganzes Sein legt. Vor dem Aufbruch nach Jerusalem hatte Jesus seinen Jüngern folgende Worte eingeschärft: „Merkt euch genau, was ich jetzt sage: Der Menschensohn wird den Menschen ausgeliefert werden“ (Lk 9,44). Nun, da ihn das Leben verlässt, besiegelt er im Gebet seine letzte Entscheidung: Jesus lässt zu, dass er „in die Hände der Menschen" ausgeliefert wird, doch sind es die Hände des Vaters, in die er seinen Geist legt. So ist nun, wie im Johannes-Evangelium beschrieben, alles vollbracht, der höchste Akt der Liebe hat sich bis zum Ende, ans Äußerste und über das Äußerste hinaus, erfüllt.

 

Liebe Brüder und Schwestern, die Worte Jesu am Kreuz in den letzten Momenten seines irdischen Lebens bieten unserem Gebet gewichtige Hinweise, aber öffnen unser Gebet auch zu ungetrübtem Vertrauen und fester Hoffnung.

Jesus, der seinen Vater darum bittet, denen zu vergeben, die ihn kreuzigen, lädt uns zu der schwierigen Geste ein, für jene zu beten, die uns Böses tun, die uns geschadet haben, stets verzeihen zu können, auf dass das Licht Gottes ihre Herzen erleuchten möge; wir werden aufgefordert, in unserem Gebet die gleiche Haltung voller Barmherzigkeit und Liebe zu leben, die Gott uns gegenüber zeigt: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern", sprechen wir täglich im Vater unser. Zugleich gibt uns Jesus, der sich im letzten Moment vor seinem Tod ganz in die Hände Gottes anvertraut, die Gewissheit, dass wir – ganz gleich, wie hart die Bewährungsproben sind, wie schwierig die Probleme, wie schwer das Leiden -  niemals aus den Händen Gottes fallen, diesen Händen, die uns erschaffen haben, uns unterstützen und uns auf der Reise des Lebens begleiten, denn sie werden von unendlicher und treuer Liebe gelenkt. Danke.

 

Katechese von Papst Benedikt XVI.

[Übersetzung aus dem Italienischen von Sabrina Toto © Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana]